“Die Regeln”
Gibt es wirklich keine Regeln in einem Straßenkampf? Ich denke diese Einstellung ist ein wenig naiv. Natürlich existieren Regeln physiologischer und biologischer Art die Möglichkeiten und Effektivität beeinflussen. Aber es existieren noch andere Regeln, chemische, soziale und psychologische Regeln welche einen Großteil des Kampfes bestimmen. Viele Menschen sind sich dieser Regeln nicht bewusst, weil sie so unsichtbar sind wie die Grammatikregeln ihrer Muttersprache, sie sind so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man ihre Existenz nicht mehr hinterfragt.
Lasst uns diese Regeln einmal einzeln betrachten und lasst uns mit der chemischen beginnen, da diese am einfachsten ist. Wenn der Körper einer besonderen Situation ausgesetzt wird und ein realer Kampf ist eine solche Situation, schüttet er chemische Stoffe aus die wiederum Körper und Geist in ganz besonderer Weise beeinflussen.
Leute die sich ernsthaft mit dem Studium dieser Phänomene befassen (z.B. Bruce Siddle) fanden heraus, dass die Herzrate, gemessen in Schläge pro Minute (SPM), ein gutes Barometer für die anderen Effekte darstellt.
Es ist hier zu beachten, dass wir hier von der Herzrate sprechen welche durch Hormonausschüttung beeinflusst wird. Eine SPM Zunahme durch aerobische Übungen oder Workouts hat einen völlig anderen Effekt. Auch ist zu beachten dass ein hormonell bedingter Anstieg der Herzrate augenblicklich einsetzt.
Hier die Regeln der chemischen Furcht:
Wenn die Angst so groß ist, dass die Herzrate den Wert von 115 SPM übersteigt verliert man die feinmotorischen Eigenschaften. D.h.: präzise Griffe und Hebel sind nicht mehr möglich.
Um 155 SPM bedeutet, dass sich die Grobmotorik stark verschlechtert – die Fähigkeit Kombinationen, Fußfeger u.ä. anzubringen ist nicht mehr vorhanden.
Bei 175 SPM sind Planen und Denken schwer beeinträchtigt. Man verliert Nahsicht, peripheres Sehen und die Tiefenwahrnehmung. Das Hören geht fast ganz, wenn nicht sogar vollständig unter.
Steigt die Herzrate über 175 SPM wird sich die Blase unkontrollierbar entleeren. Die meisten werden starr vor Angst. Die einzig möglichen physischen Aktivitäten sind Rennen und mit den Armen herumfuchteln.
Fazit: Je mehr man auf seine Fähigkeiten angewiesen ist um so weniger ist man in der Lage sie zu nutzen. Wenn Ihr jetzt einmal hören solltet: „Wenn dies jetzt real wäre, würde ich es besser machen“ wisst Ihr, dass dies gelogen ist. Wenn es eine reale Situation ist würdet Ihr weitaus schlechter agieren als im Training. Der Glaube, dass Menschen sich unter Stress verbessern ist ein Mythos.
Diese Stresslevel können beim Großteil der Menschheit schon allein durch aggressive verbale Drohungen ausgelöst werden!
Bei dem verbleibenden Rest der Regeln ist es schwieriger zu bestimmen ob sie durch biologische, psychologische oder soziale Faktoren ausgelöst werden.
„DER AFFENTANZ“
Kennt Ihr das Sprichwort: „Wenn zwei Tiger kämpfen wird einer sterben und der andere schwer verwundet sein“? Das ist eine Lüge. Wie alle Säugetiere haben Tiger, Bären, Hund usw. wenn sie gegen ihre eigene Spezies kämpfen, fest eingefahrene Kampfrituale um Verletzungen zu vermeiden. Hirsche gehen Geweih gegen Geweih, nicht Geweih gegen Rippen. Menschen sind Affen. Wie die meisten Tiere haben wir Rituale um soziale Dominanz zu festigen oder unser Territorium zu verteidigen. Diese Rituale sind fast immer nicht tödlich.
Der Affentanz ist ein Ritual mit spezifischen Schritten. Dieser Tanz ist m.E. angeboren. Die Schritte sind von Kultur zu Kultur verschieden. In unserer westlichen Kultur sehen mit leichten Abweichungen fast immer wie folgt aus:
1) Augenkontakt, hartes Starren
2) Verbale Herausforderung: „Was guckst Du mich so an, eh?!“
3) Enge Distanz. Manchmal Bruststöße
4) Fingerstich oder doppelter Handstoß zur Brust
5) Roundhousepunch mit der dominanten Hand
Ein Bekannter aus Kanada ergänzt hierzu, dass Schritt 4 in seiner Gegend durch das Herunterschlagen der Kopfbedeckung ersetzt wird. Wie schon gesagt sind die Schritte kulturabhängig.
Einige Anmerkungen:
Der Affentanz ist meist immer eine männliche Sache. Ich kenne kein weibliches Äquivalent, weder im menschlichen noch im tierischen Bereich.
Die meisten Kampfkünste (und die meisten jugendlichen Kampfphantasien) basieren auf diesem Model. Es ist nämlich viel leichter sich in einem Szenario zu bewegen welches, immer schon genetisch bestimmt, als vorherrschend einzustufen ist.
Der Affentanz kann abgewendet werden indem man den Blick senkt, sich entschuldigt oder ihn gar vollständig ignoriert (den Tanz, nicht sein Gegenüber; Anm. d. Übersetz.) – man nimmt eine extrem entspannte Körperhaltung ein und behandelt die verbale Herausforderung als eine ernsthafte, sinnvolle Frage.
Wenn man den Tanz beginnt, ist man möglicherweise nicht in der Lage ihn zu stoppen. Es gilt 50 Millionen Jahre der Konditionierung zu überwinden. (...)
Die meisten Zwischenfälle lösen sich dadurch auf, dass sich eine der Parteien zurück zieht bevor es zu Gewaltausbrüchen kommt. Wie Grossmann in seinem Werk „Über das Töten“ herausstellt, sind selbst große Kriege öfters durch „Zur-Schau-stellen“ gewonnen worden als durch den eigentlichen Kampf.
Ein Geübter kann eine feindliche Begegnung schnell beenden, indem er einfach Schritte des „Affentanzes“ überspringt. Mit anderen Worten, wenn die Handlung sich unterhalb Schritt 4 befindet und man selber die physische, entscheidenden Aktion übernimmt, wird das Gegenüber immer unvorbereitet sein. Sein Unterbewusstsein wird immer den chronologischen Ablauf aller Schritte erwarten, bevor damit gerechnet werden muss, dass es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kommt.
PSYCHOLOGISCHE REGELN
#1: „Du weißt nicht ob Du es tun kannst, bevor Du es nicht getan hast“
Ungeachtet aller unterschiedlicher Positionen zu diesem Thema; die meisten Menschen sind nicht dazu in der Lage einen anderen Menschen umzubringen. Vielleicht durch einen Knopfdruck, jedoch sicherlich nicht von Angesicht zu Angesicht. Col. Grossman schätzt, dass weniger als 2% der Bevölkerung (welche er als „aggressive Soziopathen“ bezeichnet) in der Lage sind jemanden zu töten ohne große psychologische Nachwirkungen zu verspüren.(...)
#2: Gesichtskontakt
In unserer Kultur ist es nicht üblich, das ein Erwachsener das Gesicht eines anderen Erwachsenen in irgendeiner Art und Weise berührt und wenn, dann ist dies ein Zeichen größter Intimität. Wenn überhaupt, dann berühren Erwachsene Köpfe von Kindern und auch dies macht sie in diesem Moment sehr mächtig gegenüber den Kindern. Das Gesicht eines anderen Erwachsenen zu berühren zeugt von großer Dominanz, welche herausstellt, das der Ausführende den Empfänger der Berührung als Kind ansieht. Selbst die Berührung des Haupthaares kann als Demütigung empfunden werden.
Dies hat sich in Gefängnissen zu einer systematischen Attacke – dem so genannten „Schlampenschlag“ (im Original Bitchslap. Anm. des Übers.) entwickelt. Ein Schlag ins Gesicht, richtig ausgeführt, kann physisch vernichtend sein.
Mit oder ohne richtiger Technik kann dieser Schlag das Opfer psychisch schwächen, es mental in seine Kindheit zurück versetzen, paralysieren und unterwerfen.
Das Tabu ist in unserer Kultur so stark ausgeprägt, dass viele Menschen selbst erstarren, wenn sie eine andere Person ins Gesicht schlagen und sei es nur im Training oder Sparring. Euch kann es ebenso ergehen.
#3: Reden
Reden und das Auftreten eines Angriffs sind sehr weit voneinander entfernt. Was ich meine ist dass ich niemals gesehen habe wie jemand einen Schlag ausgeführt hat, und sei er noch so leicht, während er normal gesprochen hat. Schreien, scharf Luftholen, plötzliche Stille ja aber kein Reden. Versucht selbst einmal während einer normalen Konversation einen Angriff auszuführen. Sprecht über das Wetter. Führt einen Schlag aus ohne das sich eure Stimme dabei verändert. Ich kann es nicht und ich habe noch nie jemanden getroffen der das kann. Vielleicht ein neues Trainingsziel?
Innerhalb einer Bedrohung habt ihr während des Redens ein wenig Spielraum, es bedarf nur sehr wenig Zeit um von Gesprächsmodus auf Verteidigungsmodus umzuschalten.
#4: Die Aufregung schüren
Erinnert ihr euch an den Affentanz, diesen dominanten, nicht tödlichen Jazz? All das könnt ihr vergessen wenn ihr von einer Gruppe angegriffen werdet. Ihr seid nicht länger Teil eines Tests wo sich herausstellen soll wer der größere Affe ist, dieser Test läuft jetzt zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern ab und er wird auf eurem Körper ausgetragen.
#5: Räuberische Gewalt
Fast alle Kampfkünste trainieren sehr gut für den Affentanz, echte räuberische Gewalt ist jedoch eine anderes animalisches Aufeinandertreffen. Wenn ein Räuber sich euch als Ziel ausgesucht hat, dann weil er euch als Beute sieht und er wird vorher alles aufgelistet haben was euch für ihn zu einer begünstigten Beute macht. Ihr seit kleiner und schwächer, verletzt oder müde, abgelenkt und unvorbereitet. Ihr werdet den ersten Angriff nicht kommen sehen und ihr werdet keine Waffe sehen. Ihr werdet vielleicht schon verletzt sein bevor ihr überhaupt realisiert dass ihr angegriffen werdet. Es wird an einem Ort und zu einer Zeit passieren, die beide vom Räuber ausgewählt wurden. Nichts wird zu eurer Gunst ausfallen.
Der einleitende Angriff wird die meisten Leute sofort über die 175 SPM Rate bringen und somit nur zwei Verhaltensmöglichkeiten zur Auswahl lassen: den unkontrolliert herumfuchtelnden Berserker oder den stolpernden Sprinter.
Um diese Umstände zu wissen ist meiner Meinung nach die Grundvoraussetzung für richtiges Selbstverteidigungstraining. Nicht einmal ein Lehrer unter fünfzig versteht, dass das Training bzgl. der Verteidigung gegen eine räuberische Attacke sich völlig von dem Training unterscheidet, welches von dem o.a. „Affentanz“ ausgeht.
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