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Traditionelles Karate
Ohne das Verständnis der Informationen und Techniken, welche in den Kata enthalten sind, ist Karate eine sehr limitierte Kunst. Wie viele Karatedojo können von sich behaupten, dass sie Nahkampf, Greifen, Werfen, Gelenkhebel, Würgen und Bodenkampf in ihrem Unterricht praktizieren? – Die Antwort müsste eigentlich lauten: Alle! Aber nur wenige realisieren, dass alle diese Methoden, Prinzipien, Techniken etc. pp. in denen von ihnen praktizierten Kata versteckt sind.
Karate wurde entwickelt um eine in sich geschlossene effektive Methode der zivilen Selbstverteidigung zu sein. Karate, zumindest so wie es heute ein Großteil aller Ausübenden praktiziert, wird bestenfalls in einer mittleren, meistens jedoch in der langen Distanz trainiert. Wie auch immer, die meisten Kämpfe beginnen wirklich in einer sehr nahen Distanz, oftmals mit einer Form des Greifens. Wir wollen doch nicht wirklich behaupten, dass die alten Meister falsch lagen – oder? Die Entwickler unserer Kunst waren erfahrene Kämpfer, die sich völlig darüber im Klaren waren, wie ein realer Kampf von statten geht. Der größte Teil eines normalen Karatetrainings dreht sich um Techniken welche entwickelt wurden, um in einer sportlichen Umgebung zu bestehen. Die alten Karatetechniken, so wie sie auch in den Kata vorkommen, sind dazu bestimmt um in einer realen Situation gegen gewalttätige und untrainierte Angreifer benutzt zu werden.
1901 brachte der große Karatemeister Itosu Ankoh Karate in das Bildungsprogramm der Shuri Jinjo Grundschule ein. Da ihm die Techniken für Schulkinder als zu gefährlich erschienen entschärfte er diese. Als ein Ergebnis dieser „Verschleierung“ erlernten die Schüler die Kata meist als eine Abfolge von Schlägen, Tritten und Blöcken. In vielen Dojo ist es leider heute immer noch so!
Itosu Ankoh
Als Karate von der Dai Nippon Butoku Kai als japanische Kampfkunst adaptiert wurde, erachteten die japanischen Verantwortlichen Karate als zu gewalttätig und sie legten keinen Wert darauf in ihrem Institut die unangenehmen, wenn auch hoch effektiven Techniken öffentlich zu unterrichten. Dies führte bei dem großen Motobu Choki zu dem Ausspruch, dass das japanische Karate eine Imitation sei, nicht mehr als ein Tanz!
Die heute gebräuchlichsten Karatetechniken (s.o. Tritte, Schläge und Stöße) machen gerade mal 5% der Informationen aus die in den Kata verschlüsselt sind. Wenn wir Karate so praktizieren wollen, wie es von seinen Begründern gewollt war, dann müssen wir uns dem Studium der Kata mit einer noch größeren Ernsthaftigkeit zuwenden. Denn nur durch die Kata haben wir die Chance noch heute von den alten Meistern zu lernen und vielleicht einen Bruchteil ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten zu erahnen. Es wäre dumm, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen ließe.
Heute behaupten viele von sich traditionelles Karate zu praktizieren. Um hier anzusetzen schauen wir einmal ins Wörterbuch unter der Definition „traditionell“ nach und wir finden „überliefert, althergebracht“. Um also genau zu bestimmen was traditionelles Karate ist, sollten wir schauen wie diese Kunst früher praktiziert wurde und woher sie von wem überliefert wurde. Dies können wir indem wir uns die alten Karate Texte, wie z.B. das Bubishi, anschauen. Hier werden viele Hinweise auf die vielfältigen Aspekte des Karate (Toudi) der „Alten Schule“ (Koryu) gegeben. In der Vergangenheit wurde zum Beispiel niemals Kata ohne Anwendung unterrichtet, wie es leider heute häufig der Fall ist. Das ernsthafte Studium der Kata-Anwendungen – welche man als den DNS-Strang, die so genannte Erbinformation, des Karate bezeichnen kann – deckt viele Aspekte des „alten“ Karate auf. Dieses alte Karate beinhaltet die nachfolgend aufgezählten Methoden in seinem Curriculum: Atemi-waza (Schlagtechniken), Kansetsu-waza (Gelenktechniken), Kyusho-jutsu (Lehre über die empfindlichen Punkte des menschlichen Körpers, welche nicht durch die Skelettstruktur geschützt werden), Tuite-jutsu (Greiftechniken), Shime-waza (Würgetechniken), Nage-waza (Wurftechniken) und Ne-waza (Bodentechniken).
 Motobu Choki mit Schülern
„Altes“ Karate war für den Gebrauch der zivilen Selbstverteidigung gegen gewalttätige und untrainierte Gegner bestimmt. Damit Karate als traditionell angesehen werden kann, sollte es praktiziert werden um in einem zivilen Umfeld als Selbstverteidigung eingesetzt werden zu können. Wenn man traditionelles Karate praktiziert sollte sich das Training also größtenteils damit befassen, wie man sich gegen einen gewalttätigen, untrainierten Gegner in naher Distanz zur Wehr setzt.
Motobu Choki sagte einmal um 1926: „Die Techniken der Kata wurden niemals dazu entwickelt um gegen einen professionellen Kämpfer in einer Arena oder einem Schlachtfeld eingesetzt zu werden.“
Wenn man also Anwendung sieht die damit beginnt, dass zwei Ausübende sich in 3 Meter Abstand gegenüberstehen und einer greift dann mit einem Oi-zuki oder einer ähnlich gelagerten „Martial Art“ Technik an, kann man davon ausgehen, dass diese Anwendung zweifelsfrei nicht traditionell ist. Hohe Tritte sind eine Erscheinung der Neuzeit, wogegen in der Vergangenheit alle Tritte ihren Zielbereich unterhalb der Hüfte hatten. Das Hauptaugenmerk lag früher auf der Kraftübertragung, heute liegt es hauptsächlich auf der Kontrolle der Bewegung um so eine größere Ästhetik zu gewährleisten. Im „alten“ Karate/Toudi waren alle Schläge auf schwache Punkte gerichtet, heute werden diese Punkte meist ignoriert und zwar zu Gunsten von „Punkt bringenden“ Techniken. „Altes“ Karate legt großen Wert auf Schläge in naher Distanz wogegen modernes Karate Techniken in langer Distanz bevorzugt.
 Motobu Choki mit Schülern
Grifftechniken sind ein unbedingtes Muss im realen Kampf und sie bilden einen großen Teil des alten Karate. Die Ausübung bzw. das Trainieren dieser Techniken beinhaltet auch Gelenk-, Würge-, Wurf- und Bodentechniken (Kansetsu-, Shime-, Nage- und Ne-waza). Fast alle diese Bereiche fehlen in der Ausübung des modernen Karate. In seinem Buch „Karate Do Kyohan“ schrieb Funakoshi Gichin: „... im Karate sind Schlagen, Stossen und Treten nicht die einzigen Methoden, Wurftechniken und Druck auf Gelenke sind ebenfalls vorhanden.“
Um „altes“ (traditionelles?) Karate zu verstehen muss man die Kata verstanden haben und zwar deswegen, weil die Kata letztendlich auf dem „alten“ Karate basieren. Wenn man z.B. Würfe nicht versteht, dann weil man sie in den Kata nicht gesehen bzw. bemerkt hat. Nehmen wir als Anschauungsbeispiel die Kata Naihanchi (Tekki) und die dazu gehörenden Interpretationen eines alten Meisters der schon erwähnt wurde, nämlich Motobu Choki (1871-1944). Ihm wird nachgesagt, dass er viele Greif- und Wurftechniken aus der Naihanchi heraus entwickelt hatte. Solche Interpretationen sind unter den unrealistischen Anwendungen die heutzutage mit dieser Kata assoziiert werden recht ungewöhnlich. Eine dieser Techniken ist zum Beispiel der „Nami Gaeshi“, der Wellenkonter. Als Anwendung sieht man häufig ein Blocken oder Ableiten als Antwort auf einen Tritt oder das Vermeiden eines Fußfegers.
 Naifanchi Bunkai
Keine dieser Anwendungen sind wirklich praktikabel oder relevant in einer Selbstverteidigungssituation gegen Angreifer, die nichts mit einem Karateka gemein haben. In den meisten Stilen zeigt die Fußsohle zur eigenen Innenseite des Kniegelenks. Sinn und Zweck ist es dem Ausübenden zu zeigen, wo er diese Technik bei seinem Gegner anzusetzen hat. In einigen okinawanischen Karatesystemen wird diese Art der Technik als Naihanchi- oder Koryu-geri bezeichnet. Es wird erzählt, dass Motobu mit dieser Technik einem seiner Gegner das Bein gebrochen haben soll.
Motobu war unzweifelhaft ein hervorragender Kämpfer und was diesen Fakt so interessant macht, ist die Tatsache, dass er sein Training nachdrücklich auf der Kata Naihanchi aufbaute. Einige werden sagen, dass dieser Umstand daher rührte, dass er ja nur die Kata Naihanchi kannte (andere sagen er kannte auch Passai). Die Tatsache, dass er nur eine oder zwei Kata kannte ist aber nichts Ungewöhnliches, da es in der damaligen Zeit für Karateka durchaus üblich war sich in dieser Art und Weise zu spezialisieren. Motobu war ein Pragmatiker der seine Art zu Kämpfen sehr ernst nahm. Was hier gesehen werden muss, ist die Tatsache, dass seine Schüler bei ihm lernten ihre Kampffähigkeiten zu verbessern und Motobu sah offensichtlich das Studium der Naihanchi als wichtigen Teil des Lernens an, um eben diese Kampffähigkeiten zu steigern. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre muss man sich die Frage stellen warum ein Kämpfer wie Motobu Choki ansonsten so viel Zeit auf das Studium dieser Kata verwandt hätte. Er hätte sicherlich seinen Studenten und Schülern nichts beigebracht von dem er selber der Ansicht gewesen wäre, dass es nur von geringem Wert sei.
1926 schrieb er: „Die Stile Naihanchi, Passai, Chinto und Rohai sind heute nicht mehr in China zu finden, sie existieren nur noch in Okinawa als lebendige Kampfkunst.“ Das Schlüsselwort in diesem Zusammenhang ist das Wort „Stil“, es impliziert, dass Motobu glaubte das alle aufgeführten Kata für sich einen eigenen Stil darstellten. Otsuka Hironori, der Unterweisung in der Naihanchi von Motobu erhalten hatte, schreibt in seinem Buch „Wado-ryu Karate“, dass diese Kata mehr als eine Lebensspanne in Anspruch nehmen würde um sie zu meistern und das etwas Tiefes in ihr sei. Er glaubte, dass die Nidan und Sandan Versionen nutzlos seien. Dies ist auch wahrscheinlich der Grund warum er sie nicht in den Lehrplan des Wado-ryu aufnahm. Er bezeichnete die Shodan Version immer als das Original.
 Motobu Choki mit Schülern
Matsumura Sokon (1830-1915) war öfters durch seine Leibwächtertätigkeit in China. Während dieser Aufenthalte studierte er Kempotechniken von den chinesischen Militär Attachés und besuchte mehrere lokale Kampfkunstschulen. Es ist möglich, dass er bei diesen Gelegenheiten mit der Naihanchi in Berührung kam oder aber sie von einem chinesischen Kampfkünstler erlernte, der Okinawa besuchte. Einer von Matsumuras bekanntesten Schülern, Itosu Ankoh, spezialisierte sich in Naihanchi Kata und war der Annahme, dass Naihanchi beides war, „die leichteste und schwerste Kata die es zu erlernen galt“. Nach ihrem Studium kreierte er auch die heutigen bekannten Nidan und Sandan Versionen dieser Kata. Ihnen wird nachgesagt, dass sie speziell für den oben schon erwähnten Grundschulunterricht gedacht waren. Andere behaupten, dass die beiden Nachfolgeversionen nur Variationen von ein und demselben Thema seien, wenn man weiß, wo man zu suchen hat.
 Matsumura Sokon
Itosu Ankoh glaubte, dass Naihanchi so effektiv sei, dass allein ihr Studium ausreichen würde um einen Karateka zu einem fähigen Kämpfer im alten, traditionellen Sinne zu machen. Diese Kata ist optisch nicht sehr beeindruckend, sie enthält keine spektakulären Techniken, die Schüler erlernen sie oftmals nur sehr widerwillig und Nakayama soll gesagt haben, dass einzig dynamische an dieser Kata sei die Drehung des Kopfes, ansonsten sei sie langweilig. Wenn sie auch optisch nicht sehr beeindruckend ist, so ist ihre Vernachlässigung in der heutigen Zeit eine Schande, da sie dem modernen Karateka in traditioneller Sicht sehr viel zu bieten hätte, wenn er sie dann auch ernsthaft wahrnehmen würde.
Traditionelles Karate ist ein sehr effektives System welches alle Aspekte des Kämpfens aufdeckt und damit sehr relevant für die heutige Selbstverteidigung ist. Wenn das nächste Mal jemand behauptet er praktiziere „traditionelles“ Karate oder aber „traditionelles“ Karate sei antiquiert, dann sollte man ihn einmal nach seiner ganz speziellen Definition von „traditionell“ fragen.
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