Toguchi Seikichi

Meister Seikichi Toguchi wurde am 20. Mai 1917 in Naha, Okinawa, geboren. Er begann mit dem Karate Training im Alter von 16 Jahren und trainierte bis zu seinem Tod im August ‘98. Seine Frau Haruko erzählt, dass er starb, während er die Kata Tensho ausführte. Im Jahre 1933, als er auf der Schule für Fischereiwesen studierte, schrieb er sich im Dojo von Seiko Higa (1898–1966) ein. Higa war Schüler des famosen Kanryo Higashionna (1853–1915), der ihn bis zu seinem Tode im Jahre 1915 unterrichtete. Anschließend wurde Higa Schüler Chojun Miyagis (1888–1953) der ebenfalls lange Zeit im Dojo Higashionnas trainiert hatte. Der junge Toguchi konnte es nicht besser treffen, als daß er an diese zwei historischen Meister des Goju-ryu geriet. Toguchi ging 1938 nach Tokio, um dort sein Diplom als Elektroingenieur zu erwerben. In dem Moment als er nach Okinawa zurückkehren wollte, brach der zweite Weltkrieg aus. Toguchi wurde eingezogen und nach Sumatra versetzt. Er operierte oft hinter den feindlichen Linien. Die letzten Etappen des Krieges gestalteten sich für ihn und seine Einheit sehr schwierig. Viele Soldaten starben und oftmals war es nur seiner Ausbildung in der Kampfkunst zu verdanken, dass er schwierige Situationen überlebte.

Müde und krank kehrte er 1946 nach Naha zurück, nur um seine Insel von den amerikanischen Streitkräften zerbombt und besetzt vorzufinden. Toguchi traf seinen Meister Chojun Miyagi völlig deprimiert an. Dieser hatte durch den Krieg einen Sohn und zwei Töchter sowie seinen Meisterschüler Jinan Shinzato verloren. Meister Seiko Higa hatte durch den Krieg seine Frau verloren und stand ohne Arbeit vor dem Nichts. Die gesamte Insel-bevölkerung hatte nur einen Gedanken: Überleben!

Chojun Miyagi, durch seine überlebenden Kinder unterstützt, nahm seine Karate Aktivitäten in Gushikawa wieder auf. Seiko Higa, bar jeder Ressourcen und von seinen Schülern beherbergt, nahm ebenfalls seine Aktivitäten bezüglich des Karate wieder auf und gründete 1947 das Dojo mit der Bezeichnung „Okinawa Goju-ryu Karate Forschungszentrum“.

Chojun Miyagi entschied sich in der darauf folgenden Zeit nach Naha zurückzukehren. Seine Schüler gründeten einen Fond, welcher den Zweck hatte den Bau eines kleinen Hauses mit angrenzendem Dojo zu finanzieren. 1952 weihte er sein Dojo ein und machte es zur Basis seiner Vereinigung, der Goju-ryu Shinkokai. Miyagi war Präsident und Seiko Higa Vizepräsident. 1953 stellte sich bei Miyagi ein Herzleiden ein, so dass Seiko Higa die Präsidentschaft übernahm.

Seikichi Toguchi entschied, dass er den Meistern Miyagi und Higa seine Ehre erweisen sollte. Aus diesem Grund eröffnete er in Koza City ein Dojo mit dem Namen Shorei Kan (Schule des Respekts gegenüber der Höflichkeit und der guten Manieren) und schuf somit Platz für eine neue Methode, dem Shoreikan System, welches inspiriert war durch die beiden Systeme seiner, von ihm so geachteten, Meister.

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Chojun Miyagi brachte in den 30er Jahren seinen Stil nach Japan, indem er dort Gogen Yamaguchi unterrichtete. Ohne Yamaguchi hätte Goju-ryu wahrscheinlich nie diese weltweite Ausdehnung erfahren. Seikichi Toguchi begann 1959 mit seiner Arbeit in Japan (Tokio). Mit der Hilfe der Eltern seines jungen Schülers Toshiro Tamano wurden sowohl ein Haus als auch ein Dojo gebaut. Von dort aus konnte Meister Toguchi seine Pionierarbeit beginnen und dies war auch der Ort, an dem er am 31. August 1998 verstarb. Heute ist Meister Hashimoto Technischer Direktor des Shoreikan und Nachfolger  von Meister Toguchi.

Das Shoreikan System von Toguchi Sensei repräsentiert die Achtung vor dem System Miyagis in der gleichen Weise, wie Miyagis Stil die Achtung vor dem Stil Higashionnas inne hatte. Das Goju-ryu hat seine Wurzeln im Naha-te, welches durch den bekannten Meister Kanryo Higashionna (1853–1915) kreiert wurde. Higashionna soll im Alter von 19 Jahren nach China gegangen sein, um dort die Kampfkunst zu erlernen. Die Angaben, wie lange er in Südchina (Fuzhou) verbrachte, sind unterschiedlich. Einige sprechen von drei und andere von dreizehn oder gar dreißig Jahren. Higashionna soll vor seiner Reise nach China schon in Okinawa mit den Meistern Aragaki Seisho und Kojo Taite trainiert haben.

In Fuzhou selbst soll er mit Ru Ru Ko (Xie Zhongzhang) und Wanchinzan trainiert haben. Shoshin Nagamine vertritt in seinem Buch „Tales of Okinawan Masters“ die Meinung, dass Higashionna nur bei Wanchinzan trainiert habe und dieser in diesem Falle mit Ru Ru Ko identisch sei. Beide sollen Meister eines südchinesischen Stils gewesen sein. Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Sanchin/Samchien Formen geben dieser Theorie Nahrung.

Nach seiner Rückkehr nach Okinawa nannte Higashionna seinen Stil einfach Naha-te und begann zu unterrichten. Es soll schwer gewesen sein, die Akzeptanz des Meister zu gewinnen. Meister Higa soll zehn Jahre darauf gewartet haben als Schüler akzeptiert zu werden.

Unter den Schülern Higashionnas waren auch Kenwa Mabuni und Chojun Miyagi. Mabuni, der auch ein Schüler Itosus war, begründete als Synthese seiner beiden Lehrer Higashionna (Toona) und Itosu das Shito-ryu.

Miyagi, gesegnet mit einer robusten Gesundheit, begann im Alter von 14 Jahren mit Karate. Seine Fähigkeit und seine Leidenschaft machten ihn zu einem begnadeten Schüler Higashionnas. Nach dessen Tod setzte Miyagi seine Forschungen bezüglich der Kampfkünste fort und tauschte sich in diesem Rahmen auch mit anderen Meistern aus. Er entwickelte zusammen mit einem Mediziner, der ebenfalls Karateka war, Aufwärmmethoden (Junbi-undo), die heute noch fast unverändert geübt werden. Seine Gedanken und Ansichten über das Karate legte Miyagi 1936 in einem Exposé mit dem Namen „Karate do gaisetsu“ nieder.

Nach den Aussagen vom Meister Toguchi hatte Miyagi, basierend auf Higashionnas Konzept, ein klares Bild davon, wie ein pädagogisch sinnvoller Unterricht aufgebaut sein sollte, um Karate für alle Menschen nutzbar zu machen. Auf der Konferenz der Karatemeister, die ebenfalls 1936 stattfand, skizzierte Miyagi dieses Unterrichtskonzept wie folgt:

„Die Entwicklung der menschlichen Muskulatur ist von der Art und Weise abhängig, in der sie gebraucht wird. Aufgrund dieser Erkenntnis muss jede Karatelektion mit entsprechenden  Aufwärm- bzw. Vorbereitungsübungen (Junbi-undo) begonnen werden.

Junbi-undo entwickelt und fördert die notwendigen Muskeln speziell für die Bewegungen des Karate. Anschließend folgen in präziser Reihenfolge die Basistechniken (Kihon-waza & Kihon-kata) und die unterstützenden Übungen (Hojo-undo) mit entsprechenden Geräten (Chishi, Nigiri-game, Ishi-sashi usw.), es folgen die klassischen Kata (Kaishu kata) und Kumite Übungen (Kumite raishu)“.

Miyagi präsentierte diese fünf Punkte seines neuen Trainingsprogrammes 1936 der Öffentlichkeit. Jedoch erst nach dem Krieg begannen zahlreiche Debatten und Experimente über und mit seinen Prinzipien, welche seinen Stil repräsentierten. Die zwei ersten Elemente von Miyagis System, Yobi- bzw. Junbi-undo und das Hojo-undo sind vergleichbar mit Higashionnas Basistraining. Das Shutai-undo (Kata & Kumite) dagegen entsprechen Higashionnas traditionellem Kaishu. Ein sehr wichtiger Beitrag Miyagis war die Kreation der beiden Kata Gekisai dai ichi und Gekisai dai ni. Hierauf aufbauend entwickelte Toguchi zwei Jahre nach dem Tod des Meisters in seinem Stil, dem Shoreikan, die Hookiyu kata dai ichi und Hookiyu kata dai ni. Er vervollständigte die Gekisai Reihe mit Gekisai dai san, ebenso fügte er zwei Gekiha-, zwei Kakuha-kata, sowie die Hakutsuru no mai kata, eine Kata aus dem Stil des „weißen Kranichs“, hinzu.

Diese zehn Kata bilden das Grundprogramm von Toguchis Stil. Wenn man jetzt Miyagis und Toguchis Systeme vergleicht, kommt man zu dem Schluß, dass Toguchi nur Miyagis Arbeit fortgesetzt hat. Toguchi kreierte auch Formen des abgesprochenen Kampfes und spaltete sie in Kiso-kumite Formen auf. An deren Beherrschung läßt sich der Fortschritt der Übenden messen. Darüber hinaus kreierte Meister Toguchi ein spezielles Bunkai-kumite für jede der zehn Fukyu-kata. Für die fortgeschrittenen Kata des Goju-ryu existierte natürlich schon vorher ein ausgefeiltes Bunkai!

Bunkai bezeichnet die Anwendungen der Kata-Bewegungen. Es entwickelt darüber hinaus die Schnelligkeit, die Präzision und das Timing des Ausübenden.

Toguchi kreierte auch das Jissen-kumite, welches er als den „reellen Kampf“ bezeichnete. Das Jissen-kumite ist, nach Toguchi, eine Methode, welche die Anwendungen der Kata in eine Beziehung zum wirklichen Kampf, dem Kaissai, setzt.

Er etablierte in sein System auch das Irikumi, das typische Okinawa Kumite. Das Kakari Kumite dagegen arbeitet mit reellen Umständen, kombiniert mit den Regeln des Shiai-kumite des Okinawa Goju-ryu. Das Kaissai ist der Schlüssel um die Kampftechniken, die in den Kata versteckt sind, zu verstehen und zu interpretieren. Dies ist deshalb von so immenser Wichtigkeit, weil die Praxis des Okinawa Karate auf der Arbeit mit den Kata aufgebaut ist.

Die Meister Miyagi und Higashionna arbeiteten natürlich auch mit Übungen, die dem Kaissai-kumite und dem Irikumi gleichzusetzen waren. Diese Techniken waren jedoch sehr gefährlich und somit nur den Fortgeschrittenen vorbehalten. Somit arbeiteten Anfänger immer nur mit Kata und Kihon. Meister Toguchi füllte diese Leere, in dem er zu den oben erwähnten Übungsformen das Kiso-kumite dai ichi in das Anfängertraining integrierte. Zusätzlich hielt er damit das Ideal der Kampfkünste aufrecht. Wie im Jiyu kumite forderte Toguchi  durch die von ihm kreierten Übungen seine Schüler auf, ihre Schläge, Stöße und Tritte zu kontrollieren. Im Gegensatz zu Anderen, die unter reellen Bedingungen auf die lebenswichtigen Punkte zielen und somit konträr zum Prinzip der Verteidigungstechnik handeln. Meister Toguchi offenbart seine Idee in seinem Aufsatz mit dem Titel: „Zen und die Sicht des Kriegers“.

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Verfasser: Jörg Kuschel
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