Thesen aus der anderen Ecke
„Heutzutage ist man nicht mehr in der Lage die wahre Bedeutung der Kata wirklich zu entschlüsseln. D. h. die Bunkai die der Kreateur der Kata in diesem „Notizbuch“ verschlüsseln wollte ist in nicht mehr rückholbare Vergessenheit geraten! Heißt: Keiner kann heute wirklich mehr sagen, was die alten Meister sich dabei gedacht hatten.“
Ist das nicht ein wunderbares Statement? Interessant ist hier die Frage: „Wer sagt so etwas überhaupt?“ Die Antwort lautet: „Die Leute aus der versportlichten Ecke des Karate!“ oder „Die Leute aus der Box!“ wie McCarthy Sensei so schön sagt. Gemeint sind hier die Leute welche trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse über ihren eigenen Tellerrand nie hinausschauen.
Natürlich ist es möglich an die Entschlüsselung der Kata heranzukommen und zwar unter zu Hilfenahme des Satzes von Funakoshi Gichin „On ko Chi Shin“ – Nach altem Forschen heißt das Neue zu verstehen.
Nehmen wir doch die Bibel des Karate, welche ja nun mittlerweile zumindest dem größten Teil der Karateka (auch wenn sie nur Sport betreiben) bekannt sein sollte – das Bubishi – und befassen uns nur mit dem 29. Artikel – 48 Darstellungen der Selbstverteidigung.
Bei näherer Betrachtung erkennen wir sehr wohl Positionen bekannter Kata sowohl aus dem Shorin- als auch dem Shorei-ryu. Es besteht evtl. auch die Möglichkeit mit Schülern von Schülern der Meister zu reden, deren Kata uns gerade interessiert. (Beispiel: Patrick McCarthy – Hiroshi Kinjo – Hanashiro Chomo - Matsumura Sokon)
Darüber hinaus muss sich ein Großteil der Karate Ausübenden von der Einstellung verabschieden, dass Karate sich ausschließlich über Treten, Schlagen und Stoßen definiert. Karate bietet darüber hinaus eine große Auswahl an Hebeln, Würfen, Würge-, Gelenk- und Bodentechniken. Bei näherer Betrachtung des provokanten Satzes: „Jujutsu ist Karate ohne Kata und Karate ist Jujutsu ohne Anwendung!“ sollte dies deutlich werden. Dieser o.a. Ausspruch ist von Quanfa Stilisten der Fujian Provinz ins Leben gerufen worden.
Weiterhin sagen diese südlichen Quanfa Stilisten, dass es sich sowohl bei dem heutigen Karate als auch dem heutigen Jujutsu um ausländische, sprich japanische, Interpretationen des chinesischen Quanfa handelt, welche stark durch die japanische Budo-Kultur beeinflusst wurden.
Hier hätten wir schon das nächste Statement:
„Karate ist weniger durch die chinesische Kampfkunst beeinflusst worden, als bisher allgemein angenommen wurde!“
Auch diese Annahme kommt aus dem gleichen Lager wie die vorherige. Ich denke diese Leute übersehen oder wissen ganz einfach nicht, dass der Begriff „leere Hand“, Karate, erstmals 1905 (!) von Hanashiro Chomo in seinem Werk „Karate Kumite“ verwendet wurde. Dann dauerte es ganze 31 Jahre bis sich die okinawanischen Karatemeister (Miyagi, Hanashiro, Motobu, Gusukuma, Chitose, Yabu, Kyan usw.) bei einem gemeinsamen Treffen 1936 unter dem Druck der Dai Nippon Butokukai darauf einigten zukünftig den Begriff Toudi, chinesische bzw. fremde Hand, durch Karate, leere Hand, zu ersetzen.
Die Tatsache, dass z.B. die bekannten Karatemeister Uechi Kanbun, Higashionna Kanryo und Mabuni Kenwa bei chinesischen Meistern (Uechi – Shushiwa/Zhou Zi He, Higashionna – Ruyruko/Xie Zhongxian, Mabuni Kenwa – Gokenki/Wu Xiangui) gelernt haben, lässt sich doch nicht einfach wegdiskutieren.
Auch zeugen die ursprünglichen Namen der Kata, auch im Shotokan, eindeutig von chinesischem Einfluss (Wanshu, Chinto, Kushanku, Naihanchi, Useishi etc. pp.) Ein weiterer Indikator für die Beeinflussung des Karate durch das chinesische Quanfa ist die Tatsache, dass z.B. die Kata Sanchin, Seisan, Sanseru oder Peichurin mit einigen Abweichungen z.B. in den chinesischen Quanfa Systemen Tiger-Boxen/Hu-Quan, Löwen-Boxen/Guong-Quan, Kranich-Boxen/He-Quan, südlicher Gottesanbeterinnen Stil/Chou Gar, Drachen-Boxen/Loong-Quan und Mönchsfaustboxen/Lohan-Quan ebenfalls ein fester Bestandteil des Trainingskurrikulums sind.
Ein weiterer wichtiger Aspekt in dieser Diskussion ist die Gründung der chinesischen Mission in Kuninda/Naha auf Okinawa anno 1393. Diese Niederlassung ist vielen Karateinteressierten unter dem Begriff der „36 Familien“ bekannt. Diese Niederlassung in Kume bzw. Kuninda wird oftmals als Okinawas Fenster zur chinesischen Kultur bezeichnet. Von hier aus sollen die chinesischen Kampfkünste systematisch weitergegeben worden sein.
Darüber hinaus trugen wohl auch die Uchinanchu Ryugakusai, die okinawanischen Austauschschüler, welche zwischen 630 und 894 China (Beijing, Nanjing, Shanghai und Fuzhou) bereisten und dabei die verschiedensten chinesischen Quanfa Stile erlernten und mit zurück nach Okinawa nahmen, dazu bei dass die chinesischen Kampfkünste sich mit dem heimatlichen, damals eher rudimentären, Te verbanden.
Wenn diese eindeutigen Hinweise von Karate Ausübenden geleugnet werden verhalten sich diese „echt japanisch“ getreu dem Motto:
Deru kugi wa atareru – Ein hervorstehender Nagel wird entfernt oder eingeschlagen.
In unseren Breitengraden sagt man glaube ich: Was nicht sein darf das kann auch nicht sein. Nur weil bestimmte Umstände gewissen Leuten nicht passen, kann es nicht sein, dass diese Umstände nicht existieren.
Wenn man wirklich ernsthaft daran interessiert ist, eine Sache in ihrer ganzen Tiefe auszuloten, muss man auch Fakten akzeptieren, die während dieser Auslotung zutage treten und nicht unbedingt in das Bild passen, welches wir gerne hätten.
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