Tatakawa Zushite Katsu
Siegen ohne Konfrontation
Um den Ausspruch „Tatakawa Zushite Katsu“ (jap.: Siegen ohne Konfrontation) verstehen zu können, bedarf es des Studiums der Arbeiten mehrerer alter chinesischer oder japanischer Philosophen und Humanisten, die in ihren Werken mögliche Erklärungen liefern.
Sun Tsu´s „Die Kunst des Krieges“ (Sunzi bingfa/Sun tsu ping-fa) ist ein Werk, das vor mehr als zweitausend Jahren, wahrscheinlich in der Zeit der Streitenden Reiche des chinesischen Altertums (fünftes bis drittes Jahrhundert v.Chr.) verfasst wurde. Darin eine Erklärung des Ausspruches „Siegen ohne Konfrontation“ zu suchen, erscheint auf den ersten Blick als Widerspruch, findet sich jedoch in dem Ausspruch:
„Jene, die wissen, wann sie kämpfen und wann sie nicht kämpfen sollen, werden siegen“.
Damit stellt Sun Tsu einen Adepten (= Schüler) der Kampfkunst in seinen Lehren als jemanden dar, der die Psychologie und die Mechanismen eines Konfliktes genau erkennt, und durch den vernunftbetonten Zugang anstelle eines emotionalen die Möglichkeit hat, den Konflikt nicht nur zu lösen sondern ihn auch gänzlich zu vermeiden.
Auch in Zorn und der Begierde nach Macht und Ansehen sieht Sun Tsu eine der Ursachen für eine Niederlage. Nur ein nüchterner, zurückhaltender und ruhiger Mensch kann eine Konfrontation für sich entscheiden, nicht jedoch der aufbrausende Hitzkopf.
So finden sich in der chinesischen Geschichte der Streitenden Reiche Hinweise auf einen Zhuge Liang (181–234), der einer der bedeutendsten Militärstrategen des alten Chinas gewesen ist. Auch er bezieht sich auf die Lehren Sun Tsus und verweist mit dem Ausspruch:
„Jene, die geübt im Kampf, werden zornig; jene, die geübt sind im Gewinnen, werden nicht ängstlich. So gewinnen die Weisen, bevor sie kämpfen, während die Unwissenden kämpfen, um zu gewinnen.“
auf die Kunst der innere Harmonie, die einen Kämpfer befähigt, einen Sieg ohne jeglichen Kampf zu erringen.
Eine andere Erklärungsmöglichkeit für „Siegen ohne Konfrontation“ findet sich in dem Begriff Mutekatsu (jap.: Sieg ohne Hände), der Bokuden Tsukahara (1490–1571) zugeschrieben wird. Tsukahara betrachtet den „Sieg ohne Hände“ als den größtmöglichen Sieg über den Gegner und sich selbst.
Auch der Zen Mönch Takuan wird damit in Verbindung gebracht. Ihm soll es möglich gewesen sein, einen Gegner zu besiegen, ohne seine Hände oder Waffen zu benutzen:
„Schlagen ist Nicht-Schlagen, genau wie Sterben Nicht-Sterben ist.“
Dieses Prinzip des „Ausweichens durch den Geist“ beinhaltet das Vermeiden jeder möglichen Kampfform und zwar auf eine Weise, durch die es dem Gegner unmöglich ist, anzugreifen.
Heute findet man diese Prinzipien bzw. inneren Haltungen in jeder traditionellen Kampfkunst wieder. Der wahre Adept einer Kampfkunst ist effizienter, weil er gelernt hat, jede Art von Konfrontation zu vermeiden. Er hat es verstanden, dass es unwichtig ist, sich anderen ohne einen lebenswichtigen Grund beweisen zu wollen. Dieses würde nur seinem eigenen Ego dienen, welches ihn aber dann wiederum von seinem wahren, eigentlichen Ziel abbringen würde. Es sollte DAS Bestreben eines jeden Adepten einer Kampfkunst sein, diese Prinzipien zu verteidigen und nach außen hin anzuwenden und zu demonstrieren. Dadurch wird er von außen her unangreifbar für andere, weil er gelernt hat, sich zu kontrollieren. Diese traditionellen Werte sind es, die weit über den kleinlichen Querelen der vielen unterschiedlichen Schulen und Stile oder der elitären Unterrichtsmethoden stehen sollten. Leistungsbereitschaft, der Respekt gegenüber anderen und kulturellem Reichtum sind es wert, verteidigt zu werden. Auch sollte der tägliche physische Einsatz, das Zeigen von Mut und die Wichtigkeit der Wachsamkeit jedem Adepten einer Kampfkunst im Training vermitteln werden. Bildlich vergleichbar ist dieses Bestreben mit einem Baum, der Wurzeln hat, bevor er Blätter bekommt. Die Wurzeln sind die gerade beschriebene Grundlage, die vorhanden sein muss, um seine Ziele (die Blätter) zu erreichen. Eine dieser Grundlagen, der Respekt, bedachte Gichin Funakoshi mit folgendem Ausspruch:
“Karate wa rei ni hajimari rei ni owaru koto o wasurero na" (jap. Karate beginnt mit Respekt und es endet mit Respekt.)
Eine Kampfkunst sollte grundsätzlich nicht nur die Förderung der Konzentrationsfähigkeit zum Ziel haben, sondern ebenso die Entwicklung der mentalen Stärke. In einer traditionellen Kampfkunst, egal ob Karate, Kendo, Aikido, gilt die so genannte „innere Harmonie“ als eine der höchsten Stufen, die es zu erreichen gilt. Durch die Förderung von Herz, Geist und Körper werden das Denken, Verhalten und die Disziplin, die die zentralen Inhalte der Persönlichkeitsgestaltung eines Individuums in der Ausübung der Kampfkunst bilden, gleichermaßen entwickelt. Dieser ganzheitliche Anspruch der inneren Harmonie ist der entscheidende Unterschied im Vergleich zum reinen Kampfsport.
Daraus ergibt sich die Frage, warum meist der Kampfsport ausgeübt wird. Ein Grund ist sicherlich die schnelle Befriedigung primärer Bedürfnisse, wie Selbstvertrauen, Kondition und Körperbeherrschung, weiterhin die wohltuende Mobilisierung aller physischen Fähigkeiten und die sich daraus ergebenden sportliche Erfolge und Graduierungen.
Alle diese Gründe sind durchaus legitim und sie verdienen die Mühe und Zeit, die man durch das Training auf sich nimmt, auch wenn sie oftmals zu einem „gefährlichen“, unüberlegten Handeln in Stresssituationen führen können. Das Training einer Kampfkunst, vorausgesetzt sie wird lang genug ausgeübt, sollte dem Ausübenden einen Weg zeigen, in sich gefestigt zu leben sowie sich mit seiner eigenen Person mehr auseinanderzusetzen. Dabei sollte man aber nie die Gefahr aus den Augen verlieren, die in dieser Selbstbeschäftigung liegt – die Selbsttäuschung. Oft spiegelt sich diese in einem großen Egokult wieder – ich bin der Beste, der Schnellste etc.
Durch das richtige Training entwickelt man mit Geduld sein eigenes Selbstbewusstsein und Vertrauen, wodurch man dieses so genannte „sich selbst erleben“ erreicht. Häufig werden im Training auch die Begriffe Geduld und Ausdauer angesprochen – sie zählen zu den wesentlichen Grundlagen der Kampfkünste.
Ein Fortschritt in der Kampfkunst bedeutet, dass der Adept ständig einen Schritt entsprechend seiner körperlichen Möglichkeiten nach vorn geht. Auch ein älterer oder körperlich schwächerer Mensch kann sich deshalb in einer Kampfkunst üben. Für ihn ist ein solcher Fortschritt qualitativ wertvoller als der Fortschritt eines austrainierten Sportlers, der zwar physisch leistungsfähiger ist, jedoch nur seinen Körper und nicht seinen Geist trainiert. Der reine Leistungsvergleich sportlicher Fertigkeiten, der nur dem Siegen dient, ist traditionellen Kampfkünsten völlig fremd.
Dies ist der kleine, jedoch feine Unterschied zwischen Kampfkunst und Kampfsport. Wahrer Fortschritt in einer Kampfkunst ist die innere Ausgeglichenheit. Die Vorstellung vom Sieg über den Gegner ist meist die Vorstellung des Anfängers oder des Kampfsportlers. Sie weicht vom eigentlichen traditionellen Weg der Kampfkunst ab.
Traditionelles Training einer Kampfkunst stellt deshalb mehr denn je die weitere geistige Entwicklung eines jeden Ausübenden in ihren Mittelpunkt, durch die er immer wieder neue und höhere Stufen in der Kampfkunst erreichen kann. Bildlich betrachtet ist es wie das Durchschreiten einer bereits geöffneten Tür oder die intensivere Bearbeitung eines bereits ausführlich besprochenen Themas. Dies ist von der gesellschaftlichen Seite her äußerst interessant, denn diese innere Entwicklung kann nur dann von Bedeutung sein, wenn sie auch von anderen erkannt und übernommen wird. Ansonsten stagniert man in einer Art von Selbstliebe und fällt in den eigenen Egokult zurück, denn wirklich besser leben mit sich selbst heißt auch, besser mit anderen zu leben. Der humanistische Weg, den man auf diese Weise mit Hilfe der Kampfkunst beschreitet, bringt den Adepten, indem er seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten kennen- und verstehen lernt, dazu, auch seinen Nächsten mit seinen positiven und negativen Seiten bis in die Tiefen seiner wahren Ängste kennen zulernen und zu verstehen.
Kampfkunst bedeutet also nicht, sich mit äußeren Begebenheiten und Erscheinungen zufrieden zu geben, sondern sich der Wirklichkeit des Lebens zu stellen, sie zu verstehen und insbesondere zu unterscheiden, was wirklich wichtig sowie unwichtig ist und was zu einer physischen Konfrontation führen könnte. Das stetige Fortschreiten in der Beherrschung der alltäglichen Dinge des Lebens bedeutet ein tieferes Verständnis der Kampfkunst und somit die Annäherung an den „Sieg ohne Konfrontation“.
Die Techniken, die wir im Training lernen und deren offensichtliche Anwendung sind mehr – man kann sie auch als "Schule des Lebens" ansehen. Denn das oberste Ziel des Trainings sollte die Verweigerung von Gewalt sein, die sicherlich in Techniken der Kampfkunst zu finden sind.
Der Weg des Krieges und der Weg des Friedens – dies ist ein Jahrhunderte alter Widerspruch, der in jeder Kampfkunst enthalten ist.
Ein weiterer Hinweis auf den Verzicht von Gewalt findet sich in einem Ausspruch von Gichin Funakoshi:
„Karate ni sente nashi“ (jap. Karate schlägt nie zuerst.)
Zwischen den Zeilen findet man die mögliche geistige und körperliche Haltung für einen Menschen verborgen, die ihn dazu befähigt, eine Konfrontation für sich zu entscheiden oder ihr einfach aus dem Weg zu gehen. Dieser Leitsatz ist einer der bekanntesten in der Budo-Literatur. Er entstammt ursprünglich dem japanischen Bushido (= Weg des Kriegers), wo er besagt, dass ein Samurai in jeder Situation einen beherrschten Geist bewahren muss und das Schwert nicht wegen jeder Provokation oder Kleinigkeit ziehen darf. Durch diese Regel wird der Adept an die Bedeutung des ruhigen und kontrollierten Geistes erinnert, durch den sich in den Kampfkünsten der reife Meister vom Anfänger unterscheidet.
Im traditionellen Karate wurde diese Bedeutung erweitert und verfeinert. Sie passte sich der stärker ausgeprägten philosophischen Tendenz der Kampfkunst an und verkörpert darin den Wunsch des in den Künsten gereiften Menschen nach Frieden und Harmonie. In den verschiedenen Kata des Karate wird dies symbolisch verdeutlicht, indem jede erste und letzte Technik eine Abwehr ist.
Auch wird „Karate ni sente nashi“ im modernen Karate gern häufig als Dojo-Leitsatz verwendet, wobei er aber leider selten tiefer beachtet wird. Im ursprünglich traditionellen Sinn, in dem dieser Leitsatz begründet liegt, enthält er zwei philosophische Aspekte:
Der erste Aspekt zeigt an, dass die Kampfkünste zur Selbstverteidigung und nicht zum Wettbewerb gedacht sind. Die alten, traditionellen Meister sehen in den akzentuierten Angriffsübungen der sportlichen Varianten eine Verletzung dieser Prinzipien und ein schwaches Kampfkunstpotential, da sie dem Adepten falsche innere Haltungen hervorrufen, die wieder in einer gefährlichen Art der Selbstliebe, dem so genannten „Egokult“, ausarten und damit der eigentlichen Geisteshaltung einer Kampfkunst widersprechen.
So erlaubte z.B. Funakoshi Sensei nie die Übung von Angriffstechniken während des Trainings. Diese Interpretation des Leitsatzes sind darum mit der Budo-Philosophie des Sen-no-Sen (= Initiative im Angriff) und Go-no-Sen (= Initiative in der Verteidigung) verbunden. Das Ergreifen der Initiative in gleich welcher Selbstverteidigungssituation ist hierbei lebensnotwendig. Dass es keinen ersten Angriff gibt, bedeutet aber, dass ein „Kampfkunstexperte“ in der Selbstverteidigung nie angreift, sondert abwehrt und nur im äußersten Ernstfall kontert. Das Maß einer Selbstverteidigungshandlung wird vom Geist bestimmt. Deshalb hängt die Verwirklichung von „Karate ni sente nashi“ eng mit der Entwicklung eines gerecht empfindenden Geistes zusammen.
Zum zweiten drückt der Spruch den friedvollen Geist des in den Kampfkünsten gereiften Menschen aus, der Bescheidenheit und friedliches Zusammenleben vor egoistische Ziele stellt. Die Praktiken des Wettbewerbs, Siege nach Punkten zu erringen und auf diese Weise den Besten zu ermitteln, werden als Verletzung dieses Prinzips bezeichnet, da sie eines reifen Geistes unwürdig und für einen naiven Geist verantwortungslos sind. Karate mit dieser Zielsetzung des Siegens zu unterrichten, gilt als Umkehr seines Sinnes und als Verletzung der Ethik.
Eine weitere Bedeutung von „Karate ni sente nashi“ bezieht sich auf die allgemeine Haltung des Menschen gegenüber dem Leben. Das friedliche Zusammenleben der Menschen ist nach wie vor ein in unserer Zeit akutes Problem, dessen Bewältigung weit mehr in der Reife und dem Willen zum Frieden im Einzelnen liegt als in der Suche nach übergeordneten Auswegen. Häufig setzen Menschen den Frieden als von ihnen unbeeinflussbares politisches Ereignis voraus, doch in Wirklichkeit ist er ein Resultat ihres kleinen Wirkens in der Gegenwart und beginnt in den unscheinbaren Handlungen des Alltags.
„Karate ni sente nashi“ weist im tieferen Sinn darauf hin und mahnt den Menschen zur Selbstbesinnung und zu friedlichen Alternativen. Geistiges Wesen zu sein bedeutet, diese Alternativen zu suchen und zu finden, denn sie sind die Zukunft von morgen.
In einer traditionellen Kampfkunst übt sich der Schüler, um sich selbst zu besiegen, im Wettkampf übt er nur, andere zu besiegen.
Die Ziele des Wettkampfes betonen eben jene Formen im Streben der Selbstverwirklichung, die durch die Übung einer Kampfkunst unter Kontrolle gebracht werden sollen, weil sie in ihren verschiedenen Facetten als die Ursache des Ungleichgewichtes gelten, das vom unreifen menschlichen Geist angerichtet wird.
Bedenkt man dabei, dass doch die ursprüngliche Bedeutung des Ideogramms "Bu" „Sinn der Tapferkeit“ ist, und nicht des Krieges, und dass es auch mit "Stoppen der Lanze" übersetzt werden kann, kann man erkennen, dass dies ist ein Akt der Selbstverteidigung ist und nicht der des Angriffes. Es zeigt die mögliche innere Entwicklung des Menschen auf, von der Entdeckung der universellen Harmonie und des Friedens. Es stellt das Schwert, welches das Leben lässt, weit über die Schneide, die tötet. So würden zwei wirkliche Meister der Kampfkunst nie miteinander kämpfen, denn ein wahrer Meister hat jegliche Aggressivität verloren. Ausnahme wäre, dass etwas wirklich Wichtiges dieses Gleichgewicht stören würde. Man kann nur hoffen, dass die Kampfkunst nie ihre ihr eigene Richtung und Reife verliert, die ihr ihre Begründer gegeben haben.
Nachfolgend einige Zitate, die in ihrem Kern den Ausspruch:
„Siegen ohne Konfrontation“ tragen:
Wer andere erkennt, ist gelehrt. Wer sich selbst erkennt, ist weise. Wer andere besiegt, hat Muskelkräfte. Wer sich selbst besiegt, ist stark. Wer zufrieden ist, ist reich. (Lao tse)
Wer zu stark zieht, zerreißt das Seil. Denke nicht daran zu gewinnen, denke vielmehr daran, nicht zu verlieren. (Funakoshi Gichin)
Die höchste aller Leistungen ist, den Gegner zu unterwerfen, ohne mit ihm zu kämpfen. (Sun Zi)
Der Mensch lernt weniger von seinen Siegen, als vielmehr von seinen Niederlagen.
Die Schwäche vieler Menschen ist das Herausstellen ihrer Stärke.
Nur wer nicht voranschreitet, kann nicht straucheln. Der Fall ist keine Niederlage, wenn man sich wieder erhebt.
Schnell wachsende Keime welken geschwinde, zu lange Bäume brechen im Winde.
Schätz nach der Länge nicht das Entsprungene, fest im Gedränge steht das Gedrungenen. (Wilhelm Busch)
Im Sport gibt es das Element der Zeit, in den Kampfkünsten gibt es nur den Augenblick. Es gibt keine Wartezeit... Sieg oder Nicht-Sieg, Leben oder Nicht-Leben? Das entscheidet sich in einem Augenblick. In ihm entscheidet sich Leben und Tod ganz und gar. (Taisen Deshimaru Roshi)
Quellenangaben: Roland Habersetzer – Weg zum Meister Patrick McCarthy – Aufsätze, Blackship Funakoshi, Gichin – Kyohan Sun Tsu – Wahrhaft siegt wer nicht kämpft Terrence Webster-Doyle – One Encounter, one Chance
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