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Seiyunchin Kata
Seiyunchin, Seiunchin, Seienchin, Seiinchin, Seiuchin, Seinguchin
Die Vielzahl dieser o.a. Schreibweisen gibt wieder, was ein berühmter Karatehistoriker meinte, als er sagte: „...im alten Okinawa war Kata niemals gleichzusetzen mit einer standardisierten Ausübung. ...“
Zu Beginn muss man sich die Frage stellen:
Was ist Seiyunchin? Wo kommt sie her und was bedeutet ihr Name? Hierzu existieren mehrere Theorien. Eine der etabliertesten Theorien aus den „Goju-ryu-Zirkeln“ besagt, dass Seiyunchin eine der Kata war, welche Higashionna Kanryo aus China von Ru Ru Ko mitgebrachte. Er lehrte sie Miyagi Chojun, der sie dann wiederum in seine Strömung des Goju-ryu integrierte. Zu dieser These existiert jedoch eine Antithese, die u.a. darlegt, dass Xie Zhonzhang (Begründer des schreienden Kranich Stils) der beliebteste Kandidat für die wahre Identität von Ru Ru Ko war (zu weiteren Details siehe Patrick McCarthys Bubishi Übersetzung). Im Lehrplan von Xie Zhonzhangs Quanfa existierte Seiyunchin jedoch überhaupt nicht!
Was jedoch nicht heißen soll, dass er diese Kata nicht kannte. In der Kampfkunsttradition der Nakaima Familie, dem Ryureiryu, existiert sehr wohl eine Seiyunchin Kata, und über den Begründer des Ryureiryu, Nakaima Kenri (Norisato), wird gesagt, dass er unter einem Meister in Fuzhou lernte, der ebenfalls Ru Ru Ko hieß und dessen Existenz geschichtlich belegt ist. Eine andere mögliche Theorie ist die, dass die Kata nicht von Higashionna gelehrt wurde, sondern, dass Miyagi diese Kata erst nach längeren Studien in Okinawa und China in sein System integrierte. Es gibt einige Hinweise darauf, dass Higashionna nur drei Jahre in China verbrachte. Dies wiederum bedeutet, daß er nicht genug Zeit hatte, um Xies Quanfa zu meistern. Fakt ist, dass es in Fujian das Sprichwort gab: „Drei Jahre Sanchin“. Wenn Higashionna nur für die Zeit von drei Jahren in Fuzhou war, bedeutet dies, dass er nur die Basis und vielleicht Xies Happoren lernte. Die Frage ist nun, was unterrichtete er nach seiner Rückkehr in Okinawa?
Ein Jahr nachdem Higashionna nach Okinawa zurückgekehrt war eröffnete Xie Zhongzhang seine Quanfa-Schule in Fuzhou. Die von ihm dort unterrichteten Quan/Hsing (Kata) waren: „Happoren“, „Nepai“, „Doonquan“, „Roujin“ und „Qijing“. Keine davon fand sich in Higashionnas Lehrplan wieder! Nun ist es sicher, daß Higashionnas erster Lehrer Aragaki Seisho war, der ihn später an Kogusuku (Kojo) Taite verwies. Wir wissen aus den Arbeiten von Patrick McCarthy, dass eine schriftliche Aufzeichnung bezüglich der Demonstration Aragakis und seinen Schülern aus dem Jahre 1867 existiert. Aus diesen Aufzeichnungen geht unter anderem hervor, dass die Kata Sesan und Suparinpei schon in Kuninda praktiziert wurden, bevor Higashionna nach China ging. Dies wiederum lässt mit einiger Sicherheit die Annahme zu, dass Sanchin und Sanseru dort ebenfalls schon existierten. Sanseru allein schon deshalb, weil eine sehr enge Beziehung zur Kata Suparinpei besteht. Damit liegt die Annahme nahe, dass Higashionna Sesan, Sanseru, Suparinpei und die Fundamentalübung Sanchin unterrichtete und somit das gesamte Pensum, welches er in Okinawa unter Aragaki und unter Kogusuku gelernt hatte.
Zurück zur Kata Seiyunchin. Murakami Katsumi Sensei ist der Auffassung, dass Seiyunchin schon seit langer Zeit in Okinawa bekannt war und zwar nicht ausschließlich nur durch Higashionna.
Bevor jetzt die gesamte Goju-ryu Bruderschaft über mich herfällt, möchte ich nur zum Ausdruck bringen, dass der Wert der Kata Seiyunchin nicht dadurch geschmälert wird, dass sie erst durch Miyagi in das Goju-ryu integriert wurde und nicht über die direkte Linie Ru Ru Ko und Higashionna Kanryo zurückverfolgt werden kann. Durch die verschiedenen Stile und die unterschiedlichen Lehrer existieren auch mehrere Übersetzungsinterpretationen. Dementsprechend ist auch die vielfältige Kanji-Schreibweise zu erklären. Die erste auf dieser Liste ist „Kontrollieren, Ziehen, Kämpfen“. Diese Übersetzung wird u.a. gebraucht von Uezu Angi (Isshin-ryu) und den Goju-ryu Stilisten Miyazato Eiichi und Higaonna Morio. Diese Interpretation des Kata-Namens lässt viele Rückschlüsse bezüglich ihrer Griffanwendung zu.
Die zweite Interpretation wird benutzt von Yagi Meitoku und findet sich ebenfalls in Sakagamis Enzyklopädie Karatedo Kata Taikan (1978) wieder. Die grobe Kanji-Übersetzung bedeutet soviel wie: „Attackiere entfernte Unterdrückung“. Die Dritte wird benutzt von Otsuka Tadahiko, ebenfalls Goju-ryu Lehrer und Bubishi-Übersetzer. Basierend auf seiner Taiji Erfahrung scheint er damit auf die Energieentwicklung hindeuten zu wollen. Sie lautet: „Folge-Bewegung-Kraft“. Die vierte Übersetzungsmöglichkeit auf dieser Liste ist die, die von Kinjo Akio, einem Tode/Quanfa Historiker, benutzt wird. Sie lautet „Blauer Habicht Kampf“. Kinjo gründet seine Interpretation darauf, dass die Bewegungen der Kata die Bewegungen eines Falken während des Kampfes oder der Beutejagd imitieren. Kinjo Akio führt in seinem Buch von 1999 an, daß die Fujian Aussprache der von ihm benutzten Kanji-Zeichen „Chai-In-Chin“ lautet.
Eine fünfte Übersetzung kommt von Meister Yamada Haruyoshi aus dem Tani-Ha-Shito-ryu. Er übersetzt Seiyunchin mit „Gesang der Fischer“ und begründet dies damit, dass in dieser Kata u.a. die Bewegungen eines chinesischen Ruderers nachgeahmt werden. Mein Lehrer, Akashi Fumio, folgt ebenfalls dieser Interpretation. Er beschrieb die ersten Bewegungen dieser Kata immer als das Einholen eines großen Fischernetzes. Ohgami Shingo offeriert uns bezüglich der numerologischen Interpretationen der Kata ein besonders interessantes Zahlenspiel:
Wenn man davon ausgeht, dass die Kata Suparinpei, welche heute trainiert wird, nur ein Drittel der ursprünglichen Länge preisgibt, muss man sich die Frage stellen: Wo sind die restlichen zwei Drittel? Hier kommt die Theorie von Aragaki (nicht zu verwechseln mit Aragaki Seisho!) zum tragen:
Die heutige Suparinpei ist ein Drittel. Ein anderes Drittel wird repräsentiert durch Sanseru (36). Das macht zusammen 72. Sepai (18) dazu genommen ergibt 90. Plus Sanchin (3) macht 93. Zur Summe 108 fehlen uns noch 15. Dies ist Seiyunchin. "Sei" heißt 10 im Fukiendialekt und 5 könnte "U" sein (bezugnehmend auf das Fuzhou-Englisch Wörterbuch wird es Ngu buchstabiert). "Sei-u" bedeutet demnach 15. "Chin" meint, wie häufig benutzt, Kampf, Krieg oder Boxen.
Letztendlich wird eine genaue Definition nie möglich sein, da sich diese im Nebel der Vergangenheit verliert.
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