Kata Bunkai

Immer wieder höre ich Fragen und Rufe nach der „richtigen“ oder auch „passenden“ Anwendung (Bunkai) zu den Solobewegungen der Kata. Ich verweise an dieser Stelle auf einen früheren Artikel mit der Überschrift „Henne oder Ei“. Diese Fragen und Rufe kommen nämlich meist von den Leuten, welche über die sportliche Schiene zum Karate kamen und nur Kata und nicht vorher (!) die dazu gehörende „Zwei-Mann“ oder „Zwei-Personen-Form“ (Futari-geiko) erlernten.

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Sehr amüsant sind dann solche Statements wie: „Ich bin kreativ genug um ein entsprechendes Bunkai selbst zu entwickeln“; „Ich bin Mediziner/Ingenieur/Sportstudent/Krankengymnast o.ä. und ich gehe wissenschaftlich an die Analyse heran.“; „Um die wirkliche Intention des Meisters oder Kreateurs der Kata zu kennen müsste man in seine Zeit zurück reisen.“

All das enthält natürlich ein Fünkchen Wahrheit und entbehrt auch nicht einer gewissen Grundlage. Ich möchte auch an dieser Stelle nicht die Ergebnisse dieser Karateka in Zweifel ziehen, aber wenn ich mir schon, wie die meisten, auf die Fahne schreibe klassisches bzw. traditionelles Karate zu praktizieren dann gibt es meines Erachtens nur einen Weg um an die „alte“ Bunkai heran zukommen, nämlich der Weg über die Auseinandersetzung mit der Geschichte und der Kultur der Länder die für die Entstehung und Entwicklung des Karate/Toudi verantwortlich sind. Dies impliziert naturgemäß die Bedingungen unter denen die jeweiligen Meister/Kreateure der Kata lebten, die wir analysieren wollen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kommen wir um eine historische und komparative Analyse des südlichen Quan Fa, dem originalen Vorläufer des Karate nicht herum. Denn dort und nur dort können wir die originalen Schablonen (Hsing/Quan) lokalisieren, aus denen das Pendant im Karate, nämlich die Kata entspringt.

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Wer an dieser Stelle jedoch anführt, dass Karate mit Kung-Fu/Quan Fa weniger zu tun hat als immer behauptet wird, der hat schlicht und ergreifend seine Hausaufgaben in chinesischer/okinawanischer/japanischer Geschichte nicht gemacht.

Wenn man sich mit Karate selbst und nicht mit einigen institutionalisierten Formen davon beschäftigt möchte man ja tatsächliches herausfinden und dann kommt man um die „historische“ Wahrheit nicht herum. Der Pfad dieser Wahrheit führt zwangsläufig zu den chinesischen Kampfkünsten, was wiederum logisch ist, da das Karate Okinawas aus Linien der Quan-fa Schulen hervorging.

Nehmen wir als Anschauungsbeispiel das Shotokan Karate. Es wurde abgeleitet aus den Unterrichtsmethoden Funakoshis. Welche Form des Karate praktizierte er denn überhaupt? Wenn man sich alte Photographien von Funakoshi ansieht ist man sicherlich überrascht, denn das was man dort sieht kann sicherlich nicht mit dem Shotokan verglichen werden, wie man es heute kennt. Auch sind seine Darstellungen der Kata sehr unterschiedlich zu den Ausführungen, wie man sie in den heutigen Shotokan-Dojo (JKA-basierend) unterrichtet.

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Man kann sich nur darüber wundern, dass Studenten des Shotokan Karate nicht wirklich registrieren, dass der Stil ihres Begründers zu dem Stil den sie ausführen völlig unterschiedlich ist. Funakoshi studierte unter Itosu und Azato, beide Verfechter des Shuri-te. Neben diesem Stil existierten auf der relativ kleinen Insel Okinawa noch das Naha-te und das Tomari-te. Es existierten keine unterschiedlichen Lebensstile auf so kleinem Raum, die eine Entstehung unterschiedlicher Stile gerechtfertigt hätte. Wenn aber Unterschiede existierten und dies ist ja Fakt, dann mussten diese Unterschiede zwangsläufig ihren Ursprung in China haben. Der Austausch zwischen dem großen China und dem kleinen Okinawa in vielfältigster Form war zu dem damaligen Zeitpunkt recht rege. Eine große Anzahl von okinawanischen Austauschschülern (Uchinanchu Ryugakusei) unternahmen lange ausgedehnte Reisen in die verschiedensten Teile Chinas (Beijing, Shanghai, Fuzhou und Nanjing). Es kann davon ausgegangen werden, dass sie von diesen Exkursen auch diverse Kampfkunstinterpretationen mitbrachten.

Nicht umsonst las man die frühere Kanjischreibweise Tode/Toudi als chinesische bzw. fremde Hand. Die Schreibweise Karate, leere Hand, wurde zwar schon 1905 von Hanashiro Chomo in seinem Buch Karate Kumite benutzt, offiziell ist sie aber erst um 1936 auf Okinawa registriert worden.

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Hanashiro Chomo

Ein weiteres Statement, welches mir letztens auf der Internetseite eines „Nachbardojo“ auffiel, besagte sinngemäß, dass Katatechniken bzw. die entschlüsselte Bunkai sich keineswegs ausnahmslos zur Selbstverteidigung eignen würden. Der Verfasser hat wohl vergessen zu berücksichtigen, dass die Kata, so wie sie vielleicht heute in vielen Dojo unterrichtet wird, aufgrund ästethischer und sportlicher Gesichtspunkte vielen Veränderungen unterworfen war und oftmals nicht mehr das wiedergibt, was ursprünglich in ihr enthalten sein sollte.

Ein besonders hervorzuhebendes Erlebnis war ein Training bei einem Experten (?) für traditionelle Okinawanische Karatekata, bei welchem eine alte Ur-Form einer Kata als Soloform gelehrt wurde. Im letzten Drittel des Trainings hieß es dann Partner zusammen und analoge eigene Bunkai entwickeln...!

Abschließend möchte ich allen Karateka die sich hier eventuell angesprochen fühlen (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind durchaus beabsichtigt und nicht zufällig!) zwei Aussprüche von Funakoshi Gichin ans Herz legen:

„On Ko Shi Chin!“ – „Nach Altem forschen heißt das Neue zu verstehen“

und

„Hatsuun jindo“ – „Die Wolken zur Seite schieben um den Weg zu erkennen“.

Was mag er wohl damit gemeint haben! ?

 

Portrait Jörg04

Verfasser: Jörg Kuschel
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