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Henne oder Ei?
Oftmals hört man zwischen Karateka die Diskussion über die Streitfrage:
„Was war zuerst da; Kata oder Technik?“
Dies lässt sich meines Erachtens leichter beantworten als die in der Überschrift gestellte Frage. Ohne Technik keine Kata, denn womit will man das „Gefäß“ Kata füllen? Die Kata diente und dient nur als Gefäß, als Behältnis um die zu lernenden Techniken zu transportieren, zu übermitteln. Damit wäre man schon bei der nächsten Behauptung, die als Streitfrage oftmals zu hören ist: „Ist Kata Selbstverteidigung?“ Natürlich nicht, denn wie will man aus der Kata Nutzen für die Selbstverteidigung ziehen, wenn man sich über die Bedeutung der einzelnen Techniken nicht im klaren ist? Patrick McCarthy gebraucht an dieser Stelle die folgende Metapher:
„Eine Kata zu laufen ohne um die Bedeutung der enthaltenen Technik zu wissen ist wie das Singen eines Liedes in einer fremden Sprache deren Bedeutung man nicht versteht!“
Kata dient zu nichts anderem, als die Techniken zu kumulieren die man bereits erlernt hat. Man nehme einen Partner und übe in ununterbrochenem Fluss eine Anzahl von Verteidigungs- und Kontertechniken – nun lässt man den Partner weg und führt die eben noch ausgeführten Partnertechniken solo aus, nach was sieht es aus? – Nach Kata!
Um diese These zu untermauern muss man in der Geschichte der Kampfkunst ein wenig zurück gehen. Es ist immer der menschliche Körper, mit seiner einmaligen Funktion und seinen Schwächen, gewesen, der diktiert hat, wie das Attackieren eines anderen Körpers, korrespondierend mit der Biomechanik und der Übertragung von Bewegungsenergie (sowohl von hoher als auch niedriger Intensität), von statten geht.
Ergebnis war und ist das leidenschaftslose Ziel der Selbstverteidigung. Verschlüsselt sind die Prinzipien der Selbstverteidigung in den so genannten 36 HAPV (Habitual Acts of Physical Violence). Konträr zu dem, was heute von vielen unterschiedlichen Schulen, Stilen und Systemen unterrichtet wird, sind diese Prinzipien universell und allgemeingültig, ungeachtet des Stils. Zu den o.a. 36 Akten der körperlichen Gewalt mussten entsprechende Antworten, sprich Konter, gefunden werden. Hieraus entwickelten sich die so genannten Tegumi-Renzoku-Geiko („Flow-Drills“), welche es erlauben, dass zwei Übende miteinander in verhältnismäßig sicherer Atmosphäre die „Antworten“ bzw. Reaktionen auf eben diese 36 HAPV einüben. Durch empirische Forschungen und Beobachtungen haben sich über Generationen hinweg in China 36 Verteidigungsthemen, daraus resultierend 72 Variationen, 18 Soloübungen (Hsing/Kata) und eine sich daraus resultierende Anzahl von insgesamt 108 Anwendungsprinzipien entwickelt. Historisch betrachtet stellt dieses Phänomen das Fundament dar auf welchem das wirklich traditionelle Karate ruht. Das daraus resultierende Fazit könnte heißen: Fehlt die Behandlung der Themen bzgl. HAPV und der sich hieraus entwickelten Partnerübungen (Tegumi-Renzoku-Geiko) in dem Trainingscurriculum eines Karate-Stils, kann dieser nicht von sich behaupten er sei traditionell bzw. klassisch. Dieser Stil ist dann eben nur sportlich orientiert.
In Okinawas altem Königreich wurden folgende prinzipielle Kata praktiziert:
Chinto, Chinte, Happoren, Hakutsuru, Jiin, Jion, Jitte, Kururunfa, Kushankun, Naifuanchin, Nanshu, Nepai, Niseishi, Passai, Peichurin, Rohai, Rakkan, Seipai, Seiunchin, Seisan, Shissochin, Sochin, Unshu, Useishi, Wando, Wankan, Wanshu
Kein Karateka der damaligen Zeit praktizierte alle der o.a. Kata sondern beschäftigte sich mit einer kleinen Auswahl von drei bis fünf oder manchmal auch nur einer Kata, getreu dem Motto des franz. Mathematikers und Philosophen Henri Poincare: „Wissenschaft wird gebildet durch Fakten in der selben Weise wie ein Haus aus Steinen gebildet wird, aber, die Ansammlung von Fakten ist genau sowenig Wissenschaft, wie die Ansammlung von Steinen ein Haus ergibt.“ (aus: „Hypothese der Mathematik“, 1905)
Sich mit einer Kata zu beschäftigen hieß damals über jedes noch so kleine Detail, jede Bewegung, Bescheid zu wissen. Nicht nur Ablauf sondern auch Atmung, Herkunft, Bedeutung sowohl im offensichtlichen (Omote) als auch im versteckten (Ura oder Kakushite) Bereich. Die genaue Betrachtung dieser These führt die Behauptung mancher Karateka sie würden 25 oder gar mehr Kata beherrschen ad absurdum.
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