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Die Waffen schärfen
Ein Aspekt bunkai-jutsu zu verstehen
kata, das Herz des karate, beinhalten Verteidigungsprinzipien des Zweikampfes – Mann gegen Mann. Durch kata kann der Praktizierende Konfliktszenarien verinnerlichen und defensive Themen erlernen und üben. Dies geschieht in einem sicheren Rahmen, da für sich oder andere kein Verletzungsrisiko besteht. Doch kata allein lehrt nicht das Kämpfen. So sagte Funakoshi Gichin (1868-1957):
„kata wa tadashiku jissen wa betsu mono.“ (jap. „kata und Kämpfen sind zwei verschiedene Dinge.“)
- 18. der 20 Prinzipien Funakoshis -
kata kann immer nur eine Methode sein, Trainingsprinzipien zu erlernen und für sich zu üben.
Um realistische Selbstverteidigung, sprich die Abwehr eines gewalttätigen Angriffs, zu erlernen ist futari-geiko (jap. Zwei-Mann-Übung) nötig. Wie könnte der Zweikampf besser gelernt werden als im Zweikampf? Das Bindeglied zwischen Einzeltraining (kata) und Zwei-Mann-Training (futari-geiko) ist bunkai-jutsu. bunkai ist die Interpretation der Verteidigungsprinzipien der kata projiziert auf ein Partnertraining oder anders formuliert: oyo-waza.
Während dieser Trainingsmethode verschärft sich das Verletzungsrisiko jedoch zwangsläufig. Doch besteht natürlich weiterhin die Notwendigkeit ein (soweit es im Zweikampf möglich ist) sicheres Umfeld im dojo zu schaffen. Den Pionieren des „öffentlichen“ Schul-karate waren sich dessen sehr bewusst. Higashionna Kanryo (1853-1917) entwarf eine Version der sanchin, die mit geschlossenen Händen ausgeführt wurde, und Itosu Yasutsune (besser bekannt unter: Ankoh; 1830-1916) konstruierte fünf Formen der pinan, um kusankun (auch: kushanku) in ein ungefährliches Lernlevel umzuwandeln. Miyagi Chojun (1888-1953) und Nagamine Shoshin (1907-1997) folgten dieser Idee und entwarfen die fukyugata-Reihe (im goju-ryu: gekisai). Dass dieses Schul-karate heute sehr populär ist, beschreibt ein Phänomen, auf das ich jedoch nicht eingehen möchte. Wichtiger für diesen Artikel ist vielmehr die Erkenntnis, dass Techniken, die eigentlich für die Vernichtung des Gegners konzipiert waren, plastisch gesprochen „entschärft“ wurden. nukite wurde zu seiken, kakeuke zu uchiude-uke und tsumasaki-geri zu maegeri. Haltegriffe sowie sonstiges Zusammenspiel zweier Hände verkam oft zu einem einfachen hikite.
 Gruppentraining unter Shinpan Shiroma vor Schloss Shuri 1937
Für das Gruppentraining, v.a. mit Unerfahrenen und Schwächeren, biete dies Vorteile. Der Risikofaktor einer möglichen Verletzung wird erheblich reduziert. Auch wenn Schnelligkeit und Intensität erhöht werden, also das Verletzungsrisiko steigt, ist es vorteilhaft die Angriffe zu verharmlosen. Jedoch ist nicht zu vergessen, dass karate eine Methode zur Selbstverteidigung ist. Wie will man sich sicher verteidigen können, wen man nicht weiß, geschweige denn täglich übt, möglichst einfache und brutale Techniken auszuführen? Bei einem ernsthaften Gedankengang scheint die Vorstellung recht amüsant, dass der Aggressor sich von einem perfekt ausgeführten jodanage-uke oder einem einzelnen chudangyaku-tsuki mit voll eingedrehter Hüfte und hikite beeindruckt zeigt.
Somit sei legitimiert, dass diese Techniken allein für die Verteidigung in einem Zweikampf nicht ausreichen. Da die Entwicklung, inwiefern die Techniken der kata „entschärft“ werden mussten, schon aufgezeigt wurde, bleibt nun für den ernsthaften karate-ka die Notwendigkeit bestehen, die im Zweikampf eingesetzten „Waffen zu schärfen“. Dies ist eine der Aufgabe von bunkai-jutsu. Mit „Waffen“ seien hier körpereigenen „Waffen“ wie tsuki-, uchi-, geri-, uke- und dachi-waza gemeint. Konkret könnte dies bedeuten die alten, verbannten Techniken wieder einzuführen. So wird seiken in der bunkai wieder zu kosaken und nukite. Mag der Unterschied dieser einfachen Veränderung im Einzeltraining irrelevant sein, wird er im freien Training, d.h. futari-geiko und tegumi, schnell (wortwörtlich) „spürbar“.
 kosaken intensiviert im Vergleich zu seiken die Energieübertragung durch Minimierung der Trefferfläche
Natürlich sollte diese Modifizierung den Bereich des kihon nicht betreten, um Anfänger nicht zu überfordern oder gar ernsthaft zu verletzen. Doch für den fortgeschrittenen karate-ka ist dies eine der Veränderungen, die den Realismus zurück ins dojo bringt. Dass diese Veränderung allein jedoch nicht ausreicht, muss praktisch im gleichen Atemzug gesagt werden. Theorien des Zweikampfes, wie Central Line, ho goju donto, Halb-Schritt-Methode, Vater-Sohn-Hand etc. pp. gehören genauso zu einer authentischen bunkai. Um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, werde ich auf diese Theorien jedoch nicht eingehen und beschränke mich auf den Anspruch die alten Techniken wieder einzuführen.
Ein anderer Aspekt der bunkai-jutsu, der oft missachtet wird, ist, dass typische Bewegungen der kata oftmals nur als das interpretiert werden, was sie vom Namen her implizieren. Muss uchiude-uke wirklich immer nur eine Abwehr sein, nur weil sie uke (jap. erwidern, entgegennehmen) heißt? Oder können hinter dieser Bewegung auch aggressive Thematiken stehen? Verknüpft man diese Frage mit dem vorangestellten Gedankengang die „Waffen zu schärfen“, dann offenbart sich, dass die Bewegung von uchiude-uke in Verbindung mit einer Faust in der Art von boshiken beispielsweise einen gefährlichen Angriff auf die Schläfe (Gb 3) des Gegners bieten könnte.
 uchiude-uke’s Bewegungsrichtung passt ideal zu dem Anwendungsfeld von boshiken
Weiterhin ist zu beachten, dass die Titulierung der Bewegungsabläufe nach japanischen Vorbild vorgenommen wurden. Im quan-fa, bekanntlich ein maßgebender Einfluss auf das karate, wurden und werden immer noch viele Bewegungen so verklausuliert, dass die wahren Intentionen der Bewegung nicht direkt offensichtlich sind. Wer mag sagen, ob die Bewegung „der weiße Affe serviert den Tee“ aggressiven oder defensiven Charakter hat? Natürlich kann die Bewegung an sich auch für den nicht-Eingeweihten Aufschluss geben; worauf ich hinaus will, ist jedoch zu beachten, dass Titulierungen wie uke oder tsuki etc. bei der Re-Interpretation und Analyse (sprich bunkai-jutsu) in die Irre führen.
Somit bleibt festzuhalten, dass erst der Weg von kata über bunkai-jutsu zu futari-geiko, die realistischen Verteidigungsprinzipien der Kunst karate ins Leben ruft. Der Wert von kata besteht darin, Prinzipien für die effektive Selbstverteidigung zu transportieren. bunkai interpretiert diese und übermittelt sie in konkrete Szenarien der physischen Gewalt (oyo-waza). futari-geiko schließlich bietet ein nahezu realistischen Übungsfeld.
Zu bunkai-jutsu gehört, wie in diesem Artikel postuliert, die „Waffen zu schärfen“. Der karate-ka sollte den Vorteil nutzen, seine Techniken noch wirksamer zu machen, auch wenn die kata es nicht explizit zeigt. Das wahre Verständnis von kata beherbergt auch kakushite (jap. „versteckte Hand“, Geheimnis). Außerdem, ist es verzeihbar in einem ernsthaften Konflikt den kürzeren zu ziehen, nur weil es nicht genau so ist wie in der kata? – Ich denke nein! In einer Selbstverteidigungssituation gibt es keinen zweiten Platz!
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