Die Tierformen des klassischen Ch’uan Fa und ihr Einfluss in Bezug auf Karate

Tiger02

In letzter Zeit hört man oftmals über die in den Karate-Kata enthaltenen versteckten Tierbewegungen und ich muss ganz ehrlich sagen es kommen meist die absurdesten Interpretationen dabei heraus. Wenn wir uns streng am Bubishi orientieren kommen nur zwei so genannte Tierstile in Frage, welche das klassisch-traditionell orientierte Karate beeinflusst haben:

1. Der weiße Kranich-Stil und
2. Die Tiger-Faust.

Der dritte relevante Stil ist der der so genannten Mönchs-Faust, auch als Arhat-Boxen bzw. Shaolin- oder Lohan-Stil bekannt. Der 28. Artikel des Bubishi besteht nur aus zwei Abbildungen mit folgenden Titeln:

Die „18-Schüler-der-Weißen-Kranich-Faust“ und die „54-Schritte-des-Schwarzen-Tigers“. Die Abbildung bzgl. des weißen Kranichs zeigt die klassische Stellung „Kranich auf dem Felsen“ und ist in unveränderter Form z.B. heute noch in der „alten“ Niseishi zu finden. Die Abbildung bzgl. der Tigerform erinnert an den Anfang der Kata Useishi/Gojushiho und wenn wir einen Schritt weitergehen und den Kata-Namen übersetzen, nämlich 54, schließt sich der Kreis wieder!

KranTig   KranTig1
Klassische Darstellung aus dem Bubishi

Wenn wir die Kata des klassischen Karate in Zusammenhang mit den drei, im Bubishi relevanten, Kempo bzw. Ch´uan Fa Systemen sehen kommen wir zu folgendem Ergebnis:

Wankan (weißer Kranich)
Yara Kushanku (Mönchs Faust/Lohan/Shaolin
Naihanchi/Tekki (weißer Kranich)
Matsumura Passai (Mönchs Faust/Lohan/Shaolin)
Aragaki Niseishi (weißer Kranich)
Aragaki Sochin (weißer Kranich)
Aragaki Unshu (weißer Kranich)
Aragaki Seisan/Hangetsu (Tiger Faust)
Useishi/Gojushiho (Tiger Faust)

Natürlich findet man auch die anderen Tiere aus der Reihe der „5-Kombinierten“ (Drache, Tiger, Schlange, Leopard & Kranich) in den verschiedensten Bewegungen des Karate wieder. Es muss allerdings angemerkt werden, dass es sich hierbei weniger um Techniken, sondern mehr um Prinzipien handelt. Kombiniert werden diese zusätzlich noch mit den Elementen, über die erfahrungsgemäß auch viel Unsinn erzählt wird. In der traditionellen chinesischen Lehre  wurden die 5 Elemente mit dem dazu gehörenden Organ, dem speziellen Tier und dessen Energiebewegungen kombiniert.

Tiger (Hu/Fu), Element: Metall (P´i), Organ: Lunge. Der Tiger symbolisiert die Kraft, welche aus dem oberen Bereich des Körpers, speziell den Schultern, kommt. Die Armbewegungen sind halbkreisförmig, der Körper bewegt sich in Winkeln von 90° und 45° Grad. Die Energiebewegung ist von oben nach unten, ähnlich einer Axt.

Schlange (She), Element: Holz (Peng), Organ: Leber. Die Schlange symbolisiert die Atmung und das Ch´i. Der Körper bewegt sich wie eine Sprungfeder. Die Energiebewegung ist pulsierend wie ein Pfeil im Flug.

Leopard (Pào), Element: Wasser (Tsuan); Organ: Niere. Der Leopard symbolisiert die Beinkraft, der Körper bewegt sich hoch und runter, die Armbewegungen sind simultan und verlaufen versetzt wie die Pedalen eines Fahrrades. Die Energiebewegung ist hochschießend wie ein Geysir.

Drache (Lúng), Element: Feuer (P´ao), Organ: Herz. Der Drache symbolisiert die Hüftkraft, der Körper bewegt sich in einem Winkel von 90° Grad. Die Energiebewegung ist explosiv wie eine Kanone.

Kranich (Hào/He), Element: Erde (Heng), Organ: Milz. Der Kranich symbolisiert die Balance und damit das Gleichgewicht, seine Körperbewegungen sind leichtfüßig. Seine kreisförmige, horizontale Energiebewegung ist die einer rotierenden Scheibe.

Die Beziehung der Elemente:

Holz erschafft Feuer

Feuer erschafft Erde

Erde erschafft Metall

Metall erschafft Wasser

Wasser erschafft Holz

Holz bezwingt Erde

Erde bezwingt Wasser

Wasser bezwingt Feuer

Feuer bezwingt Metall

Metall bezwingt Holz

 

Die Beziehung zwischen den Elementen, den Organen und den Jahreszeiten:

Jahreszeit:

Frühling

Sommer

Sommerende

Herbst

Winter

Element:

Holz

Feuer

Erde

Metall

Wasser

Organ:

Leber und Gallenblase

Herz und Dünndarm

Milz und Magen

Lunge und Dickdarm

Niere und Blase

 

Neben den o.a. so genannten 5-Kombinierten gibt es auch die 10-Nichtkombinierten oder auch Freien. Hierzu zählen Affe, Adler, Gottesanbeterin, Pferd, Hirsch, Büffel, Wasserläufer, Falke, Bär, Taube. Einige davon dürften dem einen oder anderen Karateka in Bezug auf vereinzelte Kata bekannt sein, wie z.B. Affe, Adler oder Gottesanbeterin.

 

Portrait Jörg04

Verfasser: Jörg Kuschel
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