Der Tiger in den asiatischen Kampfkünsten

In Asien ist der Tiger das Symbol der größten externen Kraft und innerhalb der Literatur (japanisch: Bun) der König aller jagenden Tiere.

In den Kriegskünsten (japanisch: Bu) symbolisiert der Tiger  schiere Kraft und Stärke, kombiniert mit einer massiven Zerstörungsfähigkeit. Seine Mängel an Schnelligkeit, wie sie dem Leopard zueigen ist, und das Fehlen der Leichtfüßigkeit des Kranichs gleicht er durch seine überwältigende Kraft aus.

Chinesische Kampfstile sehen den Tiger als exzellentes Beispiel von hoch entwickelter externer Stärke. Charakteristische Variationen des Tigers erscheinen innerhalb der chinesischen Kampfsysteme in Form von aggressiven Handflächenattacken, welche zum Reißen, Stossen und Greifen benutzt werden. Ihre Wirksamkeit resultiert dabei aus der vorwärtigen Antriebskraft und dem Körpergewicht.

Während der Tiger des Hung Gar Kung Fu repräsentiert wird durch starke Stände und kraftvolle Handtechniken, zeichnet er sich beim Choy Li Fat durch schnelle Handflächenschläge aus, die ihre Kraft aus der Bewegung des gesamten Körpers holen.

Hungar

In vielen Kung Fu Stilen war der Tiger ein Tier, welches ausschließlich wegen seiner externen Kraft studiert wurde. In einigen steht er jedoch sowohl für physische Stärke als auch für interne (Ch´i, Ki) Kraftentwicklung. Vertreter solcher Stile sind somit in der Lage, im Kampf zu ihrer externen Kraft die interne Kraft (Ch´i, Ki) hinzuzufügen.

Schnelligkeit, interne Kraft, Atmung und Körperkontrolle sind Eigenschaften, welche wir mit kämpfenden Tieren gemeinsam haben. Dies ist die Essenz der Tierformen und der Tiger bildet hierbei keine Ausnahme.

Der Tiger (chinesisch: Fu, Hu, koreanisch: Ho-rang-yi, japanisch: Tora) ist durchweg, wie schon erwähnt, ein angriffsorientiertes Tier. Es ist ein allgemein verbreitetes Missverständnis, dass der Tiger ausschließlich durch seine populäre „Tigerklaue“ repräsentiert wird. Sie stellt in Wirklichkeit nur einen relativ kleinen Teil der kompletten Tigertechniken dar. Die so genannte „Tigerklaue“ steht jedoch nicht nur für Pfoten, Pranken oder Krallen, sondern auch für die mächtige Kiefermuskulatur bzw. Reißzähne des Tigers. (Tora guchi = Tigermaul).

Richtig ausgeführt ist der Einsatz der Tigerklaue nie ein Kratzen, sondern ein Reißen oder Greifen, welches sich immer gegen vitale Punkte des gegnerischen Körpers richtet.

Eine weitere Eigenheit, die den Tiger charakterisiert ist, dass er meist die Vorderseite des Gegners attackiert, da diese ihm sehr viele vitale Stellen anbietet.

Der Tiger sieht beim Kampf niemals nach unten oder gar weg bzw. zur Seite, sondern hat seine Augen immer geöffnet und sieht nach vorn. Wird die Tigerform richtig ausgeführt, so kombiniert sie externe (physische Stärke) und interne (Ch´i, Ki) Qualitäten um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Auf seinem internen Level zeichnet sich viel von dem alten und traditionellen Glauben bezüglich der inneren Kraft des Tigers ab. Ein wichtiger Inhalt des internen Tigertrainings ist die Meditation (chinesisch: Hu-Hsing-Kung, koreanisch: Bok-Ho-Yi-Huel). Ein alter Glaube war, dass der Tiger einen bestimmten Teil des Tages alleine in seiner Höhle verbrachte um seine innere Kraft aufzubauen und zu erneuern. Diese innere Kraft benutzte er dann zu einem späteren Zeitpunkt um seine Beute zu schlagen. Man glaubte, dass der Körper des Tigers nur die unverfälschten Elemente enthält, aus denen er später die reine, pure Ch´i- bzw. Ki-Energie entwickelt. – Eine Energie, die so mächtig ist, dass ein altes Sprichwort sagt: „Wenn ein Tiger brüllt vibrieren die Berge und die Menschen glauben es sei ein Erdbeben.“

In den koreanischen Kampfsystemen (z.B.: Kuk-Sool-Won) wird Tigern zugesprochen, dass sie nach 3 Prinzipien leben:

- Das erste beinhaltet den o.a. meditativen Aspekt vom Leben des Tigers in seiner Höhle.

Bok-Ho-Wha-Dang

- Das zweite beschäftigt sich mit den Bewegungen des Tigers beim Verlassen der Höhle.

Maeng-Ho-Chul-Dong

- Das dritte Prinzip beschreibt die Methode des Schlagens der Beute.

Maeng-Ho-Bak-Sik

Anfangs meditiert der Tiger so ruhig, dass man beim Betreten seiner Höhle gar nicht ahnt wie nahe man ihm ist. Wenn er seine Bewegung beginnt, entwickelt er einen furchtbaren Wind (Synonym für Geschwindigkeit), welcher ihm wie Führer voranschreitet. Wenn er seine abschließende Bewegung macht baut der Tiger solch eine Geschwindigkeit und Antriebskraft auf, dass er nicht nur sein Ziel unmöglich verfehlt, sondern es auch mit dem ersten Schlag zerstört.

Ein altes koreanisches Sprichwort sagt: „Ein Tiger steigt hinauf vom Boden Flusses“  Dies meint, dass ein Tiger immer von unten, niemals von oben angreift. Mit dieser Aufwärtsbewegung wird eine natürliche Kraft entwickelt, die es dem Tiger erlaubt seine Nacken- und Kiefermuskulatur voll einzusetzen.

Obgleich der Tiger keine solchen komplexen Verteidigungstechniken gebraucht wie die anderen Tiere, betrachtet man ihn in dem koreanischen Kampfstil Kuk-Sool-Won als den König innerhalb der Tierformen und zwar weil er in der Lage ist sein Ki in Harmonie mit der Natur einzusetzen.

Es existieren zwei Hauptmeridiane am Körper. Einer liegt am Hauptstrang des Rückenmarks, der andere liegt auf der gegenüberliegenden Seite (Governor Vessel und Conceptor Vessel). Den Meridian auf der Rückseite nennt man im koreanischen Dok-Mak, den Frontmeridian bezeichnet man als Bak-Mak.

Durch richtige Atmung und Meditation erhält der Tigerstilist die Fähigkeit die Energie in diesen Kanälen zu gebrauchen und zu kontrollieren. Dann, wenn er es benötigt, bringt der koreanische Tigerstilist das Ki durch Drehung der Fäuste über die Handgelenke ins Ziel.

Viele Tigertechniken des koreanischen Kuk-Sool-Won sind Handflächentechniken, welche nicht als Klauentechniken eingesetzt werden, aber die gleiche Wirkung haben. Darüber hinaus gehören auch Fauststöße und Grifftechniken zum Repertoire. Oft wird eine Fausttechnik in Zusammenhang mit einer Handflächentechnik oder einem Griff benutzt.

Man sagt die Kombination interner Kraft mit der beeindruckenden physischen Stärke gäbe dem Tigerstilisten die Kraft von 7 Männern.

 

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Verfasser: Jörg Kuschel
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